Ein Gefühl von Tango

Pressestimmen
Ein Gefühl von ….Tango?“
Liebe, Trauer, Glück und Eifersucht

Liebe, Sehnsucht und die intime Öffentlichkeit der Cafés südländischer Städte zusammen vermitteln „ein Gefühl von …Tango?“. Vielleicht meinen die Protagonisten und Gestalter der Neckartailfinger Theatergalerie.
Zumindest ihre rund fünfzig Gäste am Abend des vergangenen Samstags würden sich mit Sicherheit damit einverstanden zeigen,
das Fragezeichen im Programmtitel des kleinen Ensembles in Nürtingens Nachbargemeinde durch ein Ausrufezeichen zu ersetzen.
Unter der Leitung von Nora Curcio, die zusammen mit ihrer Kollegin Nina Oelmann für des Konzept des neuen Stückes, für die Choreografie und die Regie sorgte, entwickelte die Truppe der Theatergalerie, das NioN tanztheater, eine aufregende und anrührende, Leidenschaften weckende und doch auch humorvolle Show. Die ideale Ergänzung fanden die beiden Tänzerinnen und Schauspielerinnen im wahrhaft virtuosen Akkordeonspiel von Maurizio Greco. Der gebürtige Sizilianer, der derzeit in Stuttgart ein
Musikstudium absolviert, verknüpfte die als verrucht und halbseiden geltende Atmosphäre der einschlägigen Tango-Lokale durch
ein musikalisches Thema aus dem Film „Der Pate“ mit den Gesetzen der Omertá und der „Familie“. Teil des Konzepts der Theatergalerie ist es, die Gäste mit einem feinem Menü zu verwöhmen, was auch am Samstagabend
mit Bravour gelang. In den drei Gängen lag der Weg des Tangos durch die Welt verborgen, so dass es ganz ideal mit der Rahmenhandlung des Stückes korrespondierte.
„Heimweh“, ein wenig gilt die Sehnsucht der Auswanderer aus Süditalien von der Landung in Buenos Aires an auch an Mammas mediterraner Küche, und so durften auch die Zuschauer noch einmal von der Auberginencreme, dem
überbackenem Schafskäse und dem mit Knoblauchgewürzten Blattspinat kosten, bevor sie der „El Greco“ genannte sizilianische Auswanderer mit in die umtriebene Einsamkeit der Metropole am Pio de la Plata nahm.
Die Ballonmütze noch auf dem Kopf, packt er seinen Koffer aus. Einziger Inhalt: sein Akkordeon: Ein sanftes Streichen über dieTasten und dann spielt er. Und wie! Den Zuschauern bleibt der letzte Bissen im staunend leicht geöffneten Mund stecken, so fliegen die Finger des jungen Mannes über die Tastatur und begeistern nicht nur das Publikum. Schon wirbeln zwei – ebenfalls junge – Damen um ihn herum, doch sein Interesse gilt nur der Musik. Das bekommt auch die Zugehfrau zu spüren, die ihm nicht nur den
Haushalt macht, sondern auch heimlich vor Sehnsucht nach ihm verzehrt.
Inzwischen haben sich die Neuankömmlinge an die südamerikanische Küche gewöhnt (ein solch schmackhaftes Chili con Carne mit Reis macht es einem nicht übermäßig schwer) und die Menschen können schon wieder herzlich lachen, wenn Nina Oelmann für den Playback-Gesang einen sichtlich viel gebrauchten Kehrwisch kurzerhand zum Mikrofon umfunktioniert.
Leicht geschürzt wirbelt Sie dazu in Tangoschritten durch die Wohnung, doch der Künslter hebt nicht einmal den Blick von seinen Noten. Denn sein Triumphzug durch die Konzertsäle der neuen Welt steht unmittelbar bevor.
Maurizio Greco wird aber auch schon in der Theatergalerie mächtig gefeiert. Hat er doch das dort anwesende Publikum mit einem
Programm ais Stücken von Piazzola, Monti und Rossini hingerissen. Vor dem Becher mit Früchten in Jogurtcreme entledigt sich Nora Curcio wild und graziös, athletisch mit einer Neigung für Situationskomik, tanzend einer eintönig gewordenen Liebe. Ein haltloser, dafür umso biegsamerer, abgerissener Geselle aus Lumpen und Farbe macht nur Ärger und wird ihrer
Leidenschaft in keiner Weise gerecht. Also über Bord mit ihm, Trost wird schon der Tango spenden.
Wenn da nicht – ja, wenn nicht der Nächste schon vor der Tür stände, oder, wie in der Neckartailfinger Theatergalerie,
an einem Caféhaus-Tischchen säße. Dort treten zunächst zwei Zigarren rauchende Controlletis ein (die weiblichen Formen
unterm Borsalino und schlabbernden Anzügen verborgen) grüßen kurz und verschwinden wieder in den Straßenschluchten der Stadt.
Neben Liebe, Trauer und Glück kennt die Leidenschaft noch eine Ausdrucksform, für die der Tango ebenfalls wie gemacht erscheint:
die Eifersucht. Und da der Freierin (Curcio) in Gestalt der Haushälterin Oelmann, beide ebenso in kurze, wie rote Kleidchen gehüllt)
eine Konkurrentin alsbald ein Dorn im Auge ist, prallen auf der Bühne zum Gaudium des Publikums zwei geballte Ladungen
tanzender Energie aufeinander. Die Zuschauer klatschen sich auf die Knie oder in die Hände vor Vergnügen über die Art und
Weise,
wie die beiden Furien in Tanzschritten einen handfesten Streit austragen, um ein Objekt, das allenfalls ein Interesse daran hat, die eigene Entscheidung – soweit ist man schließlich Macho genug – zu treffen.
Es ist fast Mitternacht in Neckartailfingen, das für einige Stunden an den Rio de la Plata gerückt war, als sich auf der Bühne die Kontrahentinnen gemeinsam mit dem äußerst musikalischen Kollegen die Hände reichen und ihre Aufmerksamkeit nun ungeteilt dem Publikum widmen. Das bedankt sich für einen rundum gelungenen Premierenabend mit einem fast nicht enden
wollenden Applaus.

Nürtinger Zeitung, 12. April 2005