Marrakech between success and life. The story of an entrepreneur.

Reisen bedeutet für mich, Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen und ihnen beim Leben ein wenig zuzuschauen. Vor zwei Jahren begegnete ich hier in Marrakesch einem jungen Mann, kaum 30 Jahre alt, den ich zunächst für sehr arm hielt.

Warum? Weil er in einer Wohngemeinschaft lebte und auf dem unattraktivsten Platz schlief – nicht einmal ein eigenes Zimmer hatte er. Er nächtigte im Gemeinschaftsraum auf einer alten, dünnen Matratze. Neben ihm sein Laptop, an dem er Tag und Nacht arbeitete, als gäbe es nichts Wichtigeres als sein Business. Zumindest das pflegte er – sich selbst jedoch nicht. Weder innerlich noch äußerlich. Er lief in schmutzigen Hosen herum, die er auch zum Schlafen trug und den ganzen Tag nicht wechselte. Sich Zeit für sich selbst zu nehmen, schien für ihn keine Priorität zu haben. Er vergaß sogar mich, seinen Gast, zu einem Tee einzuladen – etwas, das in Marokko eigentlich undenkbar ist!

Als er mir vor zwei Jahren von seinem Business erzählte, leuchteten seine Augen noch voller Leidenschaft. Ja, er wollte es wirklich schaffen! Er träumte davon, bei den großen Playern dieser Welt mitzuspielen. Deshalb arbeitete er so hart. Das verstand ich. Manchmal muss man sich ganz auf ein Ziel konzentrieren und Tag und Nacht dafür arbeiten. Das ist okay. Aber inzwischen sind zwei Jahre vergangen, und er steckt noch immer im gleichen Trott.

Er baut eine Reiseagentur auf, die weltweit Reisen verkauft. Vor Kurzem eröffnete er auch ein Restaurant in Marrakesch – aber das war genauso leer, ungemütlich und leblos wie er selbst. Ich frage mich oft, wie man etwas verkaufen kann, von dem man selbst so weit entfernt ist.

Seine Freunde versuchen schon lange, ihm klarzumachen, dass er sein Leben praktisch wegwirft und überhaupt nicht lebt. Doch das Leben interessiert ihn nicht – nur der Erfolg. Aber wem will er das eigentlich beweisen? Geht er denn nie aus? Marrakesch hat so viel zu bieten – alles, was man sich wünschen könnte. Doch das lässt ihn kalt.

Mädels, Alkohol, tanzen gehen, irgendetwas Verbotenes tun? Etwas, das ihn aus seinem Alltag reißen könnte? Nichts davon begeistert ihn. Seine Freunde haben ihn einmal zu einer Marrakesch-Tour bei Nacht eingeladen. Er konnte kaum glauben, dass Menschen so viel Geld für „verbotenes Vergnügen“ ausgeben. Er ist geizig, gibt kein Geld für sich selbst aus.

Wofür lebst du, wenn du dein Geld nicht für Freude und Genuss verwendest? Das fragen ihn alle seine Freunde. Was wirst du später einmal erzählen können? Irgendwann wird dein Leben vorbei sein, und du hast es nie wirklich gelebt!

Es erinnert mich ein bißchen an die Welt meiner Eltern. Nach dem Krieg wollten alle was aufbauen. Dabei sein bei den vielen Chancen für neuartige Geschäftsmöglichkeiten. Da verzichtete man auch auf viel privates Vergnügen. Alles ging ums Aufbauen. Meine Eltern arbeiteten nicht selten 16 Stunden am Tag.

Was bedeutet eigentlich Reichtum? Ich kenne Menschen, die ihr Geld großzügig für Erlebnisse und Unternehmungen ausgeben. Doch bei ihm scheint das Geld nicht das Problem zu sein. Ein Freund von ihm erzählte mir, dass er eine Menge Geld auf dem Konto hat.

Ich ging hinaus auf den kleinen Vorhof und setzte mich auf einen der beiden schmutzigen Plastikstühle. Die Beine der Stühle waren notdürftig zusammengebunden, damit sie nicht auseinanderfielen. Das Abendessen wurde von einem weiteren Freund gekocht, denn er selbst kochte nie. Er stopfte sich ab und zu mit Junkfood voll, oder aß mit, wenn jemand anderes kochte – wie an diesem Abend. In Marokko wird jeder immer an den Tisch gebeten! Doch sich am Abwasch zu beteiligen, kam ihm nicht in den Sinn.

Obwohl es mir normalerweise fern liegt, in fremden Wohnungen mitzuhelfen, konnte ich mich nicht zurückhalten und wischte den kleinen Tisch ab, bevor die duftende Tajine darauf kam. Aber der Schmutz ließ sich kaum entfernen. Ich dachte kurz daran, einen neuen Tisch zu kaufen. Doch schnell wurde mir klar: Das Geld ist nicht das Problem. Er könnte sich einen neuen Tisch leisten. Oder ein Bett. Oder eine gemütliche Einrichtung…

Aber wenn jemand innerlich keine Fülle spürt, kann man ihm auch von außen nicht helfen. Eines Tages wird er aufwachen. Vielleicht einfach so. Doch ich denke eher, das Leben wird ihn irgendwann herausfordern und vor die Wahl stellen: Leben oder sich lebendig begraben?

Ich kann seine spätere Reue jetzt schon spüren. Doch Reden nützt nichts. Jeder trifft seine eigenen Entscheidungen, und ich habe gelernt, dass man die Dinge so stehen lassen muss, wie sie sind. Ich bin froh, dass ich das Bedürfnis, andere zu „bekehren“, schon lange losgelassen habe.

#marokko #marrakesch

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