
In dieser Nacht sprechen wir über das Leben in Marokko: Wir sitzen in einem Zimmer in einer WG, in der eigentlich drei Menschen wohnen, aber immer viel mehr Menschen ihren Platz dort finden. Unvorstellbar für uns aus dem Westen. Unvorstellbar deswegen, weil wir diese Selbstverständlichkeit, anderen ein Dach über dem Kopf zu geben, die auf Durchreise sind und manchmal sogar Monate bleiben, nicht in dieser Form zulassen würden.
Um das zu verstehen, muss man die Kultur der Nomaden, die einst durch die Wüste zogen, begreifen.
Denn ohne den Zusammenhalt der Gemeinschaft würde niemand in der Wüste überleben. Und das ist heute nicht anders.
Die Gemeinschaft ist geblieben, auch wenn sie jetzt in Wohnungen leben.
Doch die Mieten hier in Marrakesch sind teuer und die Preise steigen weiter. Kaum jemand kann sich da eine eigene Wohnung leisten. Und wenn doch, dann hat er immer Besuch.
Heute arbeiten sie als Taxifahrer, organisieren Trips in die Wüste und durch ihr Land.
Zusammenhalt bekommt hier somit eine tiefere Bedeutung. Wahrscheinlich muss man Nomade sein, um in jeder Situation zurecht zu kommen.
Wir haben so eine falsche Vorstellung vom Leben hier
Die Männer tragen Verantwortung für ihre Familien. Sie bringen das Geld nach Hause, die Frauen verwalten es. Es gibt eine Männerwelt und eine Frauenwelt, welche viel stärker voneinander getrennt sind, als wir es von Europa aus kennen. Das heißt nicht, dass es keine Schwierigkeiten gibt. Und auch nicht, das Begegnungen zwischen Frauen und Männer ausfällt.
Natürlich gibt es sie. Aber vieles funktioniert einfach anders, als wir denken.
„We treat our women like Queens“, weiß ich von den Nomaden (ich höre innerlich jetzt schon empörte Aufschreie meiner Artgenossinnen).
Jedenfalls kann ich das am eigenen Leib seit fast fünf Jahren in der Tiefe und in allen Kleinigkeiten so bestätigen.
Wir haben so viele verkehrte Annahmen über das Bild dieser Kultur. Vieles von dem, was wir fest über diese Gesellschaft glauben zu wissen, stimmt mit dem, was ich hier erlebe, nicht überein.
Jeder hat seine Wahrheit. Meine Wahrheit ist, dass ich mich noch nie in meinem Leben so sehr als Frau gefühlt habe, wie mit den Männern hier an meiner Seite. (Das wirft auch für mich gesellschaftliche Fragen auf).
Ich werde versorgt, bekocht, und mit Aufmerksamkeit und Fürsorge behandelt. Ja, I feel like a Queen! Nicht mehr ich muss alles alleine machen und mich um alle anderen kümmern. Nein, da sind welche, denen es wichtig ist, dass es mir gut geht.
Besuch kommt
Gestern kam ein alter Bekannter zu Besuch, den ich auch schon lange kenne. Er lebt mittlerweile in Spanien, ist dort verheiratet, und wir unterhalten uns darüber, wie anders Männer und Frauen dort miteinander leben als hier in Marokko.
Wir rücken näher zusammen.
Was ist besonders anders, frage ich.
Alles, sagt er. Ja was im Besonderen, will ich wissen.
Hier in Marokko, sagt er, gibt es eine Frauengesellschaft und eine Männergesellschaft, in denen Aufgaben aufgeteilt werden. Wir Männer versorgen die Frauen und die Familie. Die Frau braucht nichts zu tun. Sie müssen nicht außerhalb des Hauses arbeiten.
Oh, das wäre für mich schrecklich, sage ich lachend.
Ein anderer in der Runde wirft ein, dass er für alle seine drei Schwestern die Schule und die Universität bezahlt hat.
Er möchte, dass sie sich entscheiden können, ob sie arbeiten wollen oder nicht.
Das ist zwar nicht traditionell und üblich in diesem kleinen Ort von wo er herkommt, aber dafür setzt er sich ein.
Die Frage ist, wie man die alte traditionelle Art zu leben mit dem Geist des Neuen in eine gesunde Richtung verbinden lassen?
Ich frage den marokkanischen Besucher aus Spanien, wie es ihm damit geht.
Ja er findet es eigentlich gut. Aber es ist komplett anderes, als das was er sonst kennt und an das er sich erst einmal gewöhnen musste. Gerade geht sie arbeiten und er wechselt zuhause Windeln. Ist Hausmann, bis er endlich dort Arbeit findet. Da ist so viel Bürokratie und schriftliche Nachweise seines Könnens werden verlangt. Die lassen es nicht zu, einfach eine Arbeit zu finden. Und er möchte unbedingt arbeiten.
Ja, sage ich, das kenne ich … dieser Vorschriftswahn verhindert Entwicklung und lähmt das Land.
Aber weißt du, Nora, du kennst Marokko, hier geht es nicht nach der Uhr. Wir arbeiten und wir treffen uns, sitzen zusammen und haben auch Sorgen, aber wir haben auch Spaß miteinander. Und zwar nicht nur am Wochenende.
Und was hast du dort für ein Lebensgefühl?
Er sagt: Es ist total schön dort. Aber ganz ehrlich, ich fühle mich auch einsam.
Und ich kann das sehr gut verstehen, aus marokkanischer Sicht.

Mein persönliches Lebensgefühl in Marokko
Wenn ich hier nur schnell um die Ecke gehe, Waschmittel kaufen, einen Wäscheständer oder irgendetwas Kleines, bin ich sofort im Gespräch mit Menschen. Einer hält mir die Tür auf. Ein anderer fragt, ob er mich irgendwo mitnehmen soll, obwohl er mich gar nicht kennt. Man redet miteinander. Man sieht sich. Man hilft sich.
Und genau das fehlt mir in Deutschland und in den meisten Ländern in Europa. Irgendwie tragen wir die Angst in uns, dass man uns was wegnehmen könnte und wir es verteidigen müssten. So lassen wir unsere Haustüren zu und sperren das Leben weg und wenn jemand Hilfe braucht, dann haben wir keine Zeit.
Türen zu öffnen kann so einfach sein: ein Lächeln, ein kleiner Witz, das kann schon was dafür tun, dass wir uns nicht einsam fühlen.
Wir leben nebeneinander, aber oft nicht mehr wirklich miteinander.
Über Essen, Sitten, Alltag und Ängste habe ich schon einmal in einem früheren Beitrag geschrieben.
Und jemand, der aus einer Kultur kommt, in der Gemeinschaft so selbstverständlich ist, spürt diese Einsamkeit wahrscheinlich noch viel stärker.

Nachts um drei
An diesem Abend sitzen wir also zu siebt in diesem winzigen Zimmer mit nur 2,5 auf 2,5 qm und feiern. Das Leben und den Moment, der wichtiger ist als jede Vernunft.
Nachts um drei steigen wir ins Auto und fahren in unsere gemietete Wohnung, abseits der WG.
Zwei andere kommen mit. Die Party geht weiter.
Doch erstmal brauchen wir was zu essen. Alles zu. Doch es wäre nicht Marokko, wenn es nicht doch eine Möglichkeit gäbe.
Eine Essensbude taucht auf. Die Jungs steigen aus und finden den Verkäufer, der hinter seiner Bude schläft. Er steht auf und macht für uns vier Fleischburger.
Ja, das liebe ich hier in Marokko: Alles ist möglich und man findet immer Wege.
Pläne sind Ideen. Niemand hält sich daran. Weil immer was dazwischenkommt.
Und zu oft ist es so, dass es besser kommt, als man denkt.
Warum Marokko?

Seit 2012 bin ich unterwegs in Marokko.
Das Land und vor allem die Menschen, ihre Geschichten und wie sich mein Gefühl und meine Sichtweise auf das Leben verändert hat, hat mich zum Bloggen über Marokko gebracht.
Nachdem ich in der Coronazeit mein Theaterleben und Unterricht in Deutschland verlassen habe, habe ich hier einen Platz gefunden, an dem vieles von dem zusammenkommt, was mir wichtig ist.
Menschen zu begleiten, die sich nach einem Wechsel sehnen, sich irgendwo verloren haben oder auf Suche nach sich selbst und neuen Visionen sind.
Dieser Spur folge ich in all meinen Angeboten und nenne sie „Sehnsucht nach Ursprung“
Orte haben Kraft. Menschen verändern Orte.
Orte verändern Menschen.
Marokko zwingt uns fast dazu, etwas loszulassen, was wir im Westen so sehr lieben: Kontrolle und die Vorstellung, wie etwas zu sein hat.
Auf meinen Reisen mit Menschen durch Marokko erlebe ich die Veränderung immer wieder:
Menschen werden wieder lebendig. Die Augen strahlen und das herzhafte Lachen findet wieder Platz im Leben.




















0 Kommentare