
Tanzreise Marokko: Frühstück am letzten Tag in Mirleft. Wir sitzen zusammen, eine intensive Woche liegt hinter uns.Wir reden über alles, was wir gesehen, geschmeckt, gespürt und erlebt haben. Und irgendwann landen wir bei der Frage, die sich am Ende jeder Tanzreise stellt, ohne dass man sie geplant hätte: Was ist eigentlich schön? Wir staunen. Was für die einen schön ist, ist für die anderen falsch. Und was für uns falsch ist, ist woanders die reinste Schönheit.
Kurz zur Einordnung: Wer sind die Amazigh?
Die Amazigh – häufig auch Berber genannt – sind die indigene Bevölkerung Nordafrikas. Ihre Kultur und Sprache reichen über mehrere Länder Nordafrikas und der Sahara.
In Marokko gibt es verschiedene regionale Gruppen und Sprachräume. Die drei großen Sprachvarianten sind Tarifit im Norden, Tamazight im Zentrum und Südosten sowie Tachelhit im Süden und Südwesten Marokkos.
Wenn ich in diesem Artikel von Amazigh-Frauen oder von Berberkultur spreche, geht es um die Menschen und Begegnungen, die ich hier im Süden Marokkos erlebe – und nicht darum, eine einzige Kultur für ganz Marokko zu beschreiben.
Der Rhytmus der Tage
Jeden Vormittag haben wir uns getroffen. Für unsere Tanzübungen. Für die Einweihung in den weiblichen Tanz – mein liebstes Geschenk an Frauen. Mittags sind wir an die Strände gefahren. An verschiedene, jeden Tag ein anderer, alle am Atlantik. Der berühmteste ist Laghzira. Und während wir badeten, standen Maddo und Hassan am Strand und haben für uns gekocht. Wir wurden rundum versorgt. Nicht bedient. Einfach liebevoll umsorgt. Abends in unserer Villa sassen wir dann am Tisch bei Fatiha und ihrer Mutter, die uns täglich mit ihrer Warmherzigkeit und einem leckeren Abendessen verwöhnten.

Tanzreise Marokko: Sinnlichkeit braucht Zeit
Um eine Bewegung richtig auszufüllen, musst du sie erst verstehen: Wo fängt sie an, wo läuft sie hin, was passiert dazwischen? Dann spürst du dich in das Gefühl hinein. Als Tänzerin arbeite ich mit Bildern.
Für mich ist diese Reise etwas sehr Besonderes, weil ich die Sinnlichkeit des Landes und der Kultur vor Ort mit in den Tanz in die Weiblichkeit verbinde. Jeden Morgen tanzen wir zwei bis drei Stunden. Wir üben, lockerer zu werden im Becken, in den Hüften. Schütteln, wackeln und plötzlich können wir Simmeys.
Nach sieben Tagen haben wir alle Muskelkater. Am Po, im Rücken, am Bauch. Und gleichzeitig merken wir, wie viel leichter die Bewegungen geworden sind.
Ich nenne es den „Tanz in die Weiblichkeit“. Er sind Bewegungen aus verschiedenen Tanzrichtungen und aus dem, was ich selbst dazu erfunden und in vielen Jahren der Praxis entwickelt habe.
Meistens arbeite ich mit Profis. Hier sind Frauen dabei, die teilweise wenig Berührung mit Tanzunterricht haben. Doch meine Angaben sind präzise. So präzise, dass jede Frau die Bewegungen erlernen kann. Aber sie braucht Zeit. Sie darf sich hineinspüren, sich hineinfallen lassen.
Viele Frauen sind es gewohnt, über Kraft zu arbeiten. Sie stehen, sie halten aus, sie halten sich aus. Und dabei verlieren sie ihre Weichheit. Hier darf sie zurückkommen. Für mich beginnt jede Bewegung hier im Bauch. Im Schoßraum liegt die Kraft von Frauen. Sich mit seinem Bauch positiv und lustvoll zu bewegen und zu spüren, verändert etwas. Wir fühlen uns sinnlicher. Wir fühlen uns schön.
Und dann gibt es diesen Moment, den ich liebe: Eine Frau sieht ihren Körper plötzlich anders.
Sie genießt sich. Sie erlebt sich in der Bewegung sinnlich und Ihre Ausstrahlung verändert sich.
Da ist so viel mehr Ausdruck drin. Der Eindruck wird zum Ausdruck.
Ein Ausflug in ein Berberdorf
Wir fahren in die Berge nach Birfona. Dort fndet jeden Sonntag ein Markt über den kleinen Ort hin verteilt statt.
Verkauft werden Eier, Gemüse, Fleisch und alles was man so braucht für die Woche. Am Ende sitzen wir in einem kleinen Kaffehaus am Boden. Unsere Begleiter versorgen uns mit Berberomlette. Alles ist so ursprünglich, dass wie eine Kulisse wirkt. Und wir mittendrin.
Wir fühlen uns zurückversetzt in eine alte Welt. Wie in einem Film in dem wir mittendrin stehen.
An diesem Tag sind wir die einzigen Touristen dort. Es gibt hier nur Männer. Die Frauen sind zuhause.

Der Tag, an dem wir Bräute wurden
Am letzten Tag dann: die Kleider. Die Idee dahinter, in der uns Fatiha einweiht. Wir dürfen fühlen, wie Frauen sich auf ihre Hochzeit vorbereiten. Henna. Sieben Kleiderwechsel. Bei uns nur einer. Dann Schminken, kochen, essen und schlemmen. Jede von uns bekam die Tracht einer anderen Region. Ich war Braut aus der Wüste. Passend. Die Wüste ist der Ort, der mich am meisten mit mir selbst verbindet.
Röcke wurde übereinander angezogen und bis über den Bauch gezogen, was alles andere als Figurfreundlich erschien.
Und als wir dann tanzten – die Hüften ein bisschen schütteln, gemeinsam sangen beim Kochen und ihre Lieder lernten – hatte das Tanzen selbst gar nicht das größte Gewicht mehr. Es war die Kleidung. Die Lieder. Und die Erschöpfung, die sich nach diesem Tag voller Eindrücke in uns ausbreitete. Es war heiß, sehr heiß, und nach und nach hat jede von uns ihre Kleider wieder ausgezogen. Auch das gehört dazu. Man muss sich nicht die ganze Zeit wohlfühlen, um berührt zu sein. Für mich persönlich: Ich habe diese Kultur auf der Haut intensiv gespürt. Und wenn mir nicht ständig der Kopfscmuck vom Kopf gefallen wäre, dann hätte ich in diesen Kleidern auch gegessen.

Verschiedene Schönheitsideale
Als wir in diesen Kleidern saßen – erst das lange Kleid, dann der große Überrock bis über den Bauchnabel hinaus – sahen wir sehr dick aus. Das ist genau das Gegenteil von dem, was wir gelernt haben, schön zu finden. Wir haben gestaunt und sehr viel gelacht, weil wir so füllig darin aussahen. Mit betontem Bauch und dicken Hüften. Hie gilt ein komplett anderes Schönheitsideal, als das, was bei uns im Westen gilt.
In Marokko stelle ich immer Fragen. Man kann eine andere Kultur nur verstehen, wenn man Fragen stellt. Ich frage nach ihrem Schönheitsideal. Fast alle sagen: rund und richtig dick sein ist das Ideal. Für sich selbst und natürlich in erster Linie für die Männer.
Die lieben füllige Frauen.
Eine junge Frau erklärt mir: Männer schauen sich hier nur nach einer Frau um, wenn sie diesem Ideal entspricht. Dünn sein ist ganz und gar nicht das Schönheitsideal. Manche Frauen der älteren Generation haben dafür Pillen genommen. Sich gespritzt. Sind krank geworden davon (tun sie leider immer noch – viele, nicht alle). Genauso zerstörerisch ist unser, im Westen verbreiteter Schlankheitswahn. Nur mit umgekehrten Vorzeichen.
Auch in Marokko verändert sich etwas. Nicht alle, aber manche der jüngeren Generation stellt sich gegen das Mästen, wie die Mütter und Großmütter es kannten. Sie wollen auch mal Jeans tragen und sich mehr bewegen. Dabei stört die Körperform. Doch wenn es im Leben nur darum geht, Kinder zu bekommen und alles in der Familie zusammenzuhalten, dann ist Bewegung überflüssig – denke ich leise im inneren.
Es gibt eine Studie, die einen ausführlich darüber berichtet: Fattening practises amoung Moroccan Saharawi women (2006).
Im Westen hat Schönheit eine völlig andere Bewertung. Wir lassen uns regieren vom Diktat der Schlankheit. Zwei Kulturen, zwei Ideale, dasselbe Gefängnis. In beiden geht es bewusst oder unbewusst nicht um den eigenen Körper. Sondern auch darum, wem er gefallen soll.

Die Frage, die wir uns trauten zu stellen: was ist mit dem Kopftuch?
Wir haben gefragt. Warum trägt die eine Frau es, warum die Schwester nicht. Die, die mit offenen, langen schwarzen Haaren über dieselbe Straße läuft. Im Westen vermuten wir schnell: Zwang. Die Wahrheit ist komplizierter. Es gibt beides. Zwang, ja, den gibt es. Aber was wir verstanden haben, war das andere: es ist eine eigene, freiwillige Entscheidung. Niemand, der es befiehlt. Genau das baut Vorurteile ab. Das Gespräch bringt einen tieferen Einblick, den man nur bekommt, wenn man fragt, statt einfach nur zu vermuten.
Die unglaubliche Herzlichkeit und Körperlichkeit, wie Berührungen, die so natürlich untereinander zwischen Frauen sind, färbt auch auf meine Frauengruppe ab.
Die Offenheit in den gemeinsamen Gesprächen werden wir mit nach Hause nehmen. Wir werden Frauen mit Kopftuch sicherlich nicht mehr aus einer empörten Perspektive betrachten. Sondern hoffentlich mit Respekt. Das ist auch, warum ich Frauen gerne das Marokko zeige, welches für sie fremd ist. Anfänglich, doch das ändert sich schnell.
Ich wünsche mir, dass wir mehr mit dem Herzen sehen und unseren Verstand einsetzen.

Das ehrliche Marokko
Ich reise seit über fünfzehn Jahren nach Marokko. Von Anfang an hat mich diese Kultur berührt, als hätte ich sie schon gekannt. Vielleicht liegt es an meiner sizilianischen Herkunft, die selbst so viel arabische Kultur in sich trägt und die eine andere Ordnung , als die deutsche Ordnung kennt. Vieles, was anderen fremd vorkommt, ist mir vertraut.
Am meisten freue ich mich, wenn Frauen nicht nur das Hochglanz-Marokko sehen. Die schönen Riads. Die Wüstencamps mit Pool und Extra-Duschen für Touristen. Das zaubert ein hübsches Bild. Aber du wirst nicht das Gefühl erleben, was Marokko ausmacht. Das wahre Marokko braucht ein, zwei Tage. Dann beginnt man, mit anderen Augen zu sehen. Auch das anzunehmen, was nicht makellos ist. Denn nicht alles ist so, wie wir es kennen. Genau darin liegt die Fähigkeit, die man entwickelt: das sein zu lassen und trotzdem das Schöne zu sehen. Erfüllt, glücklich und mit einem großen Schatz an Erkenntnis geht es wieder zurück nach Deutschland.
Da ist es jetzt kalt. Doch die Wärme der Menschen hier nehmen wir mit nach Hause. Wir erfahren, dass Berührung auch eine Sprache ist und das man auch Lachen kann, wenn man den Witz nicht versteht.

Und jetzt?
Zurück in Marrakesch weiß ich: ich will diese Reise wiederholen. Ein bisschen korrigieren werde ich sie trotzdem, denn sie war auch für mich eine Entdeckungsreise. Man denkt, etwas muss genau so sein, wie man es geplant hat. Und dann merkt man: etwas anderes ist auch gut. Vielleicht sogar besser. Genau das können die Marokkaner wunderbar. Improvisieren. Wechseln. Neu gestalten. Ich auch. Deshalb wird es eine weitere Tanz-Reise an den Atlantik geben.

Wenn dich diese Verbindung aus Tanz,
Marokko und Begegnung neugierig macht:
Hier findest du mehr über diesen link:
Tanztage am Meer





























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